Nebenschilddrüsen-Unterfunktion

Häufigkeit (selten)


chronische Erkrankungen: 0,02% - 0,1%
akute Erkrankungen: 0,04% - 0,2%

Nebenschilddrüsen-Unterfunktion (Hypoparathyreodismus): Verminderte oder fehlende Bildung von Parathormon in den Nebenschilddrüsen. Zur Unterfunktion kommt es am häufigsten durch eine Schädigung der Nebenschilddrüsen bei Operationen im Halsbereich. Eher seltene Ursachen sind z. B. Autoimmunerkrankungen, angeborene Defekte oder Bestrahlungen im Halsbereich. Der Mangel an Parathormon bewirkt einen Kalziummangel im Blut, der die Nerven- und Muskelfunktion beeinträchtigt. Betroffene bemerken zunächst Missempfindungen wie ein Kribbelgefühl an Händen und Füßen sowie Muskelzuckungen. Im weiteren Verlauf zeigen sich schmerzhafte Muskelkrämpfe, psychische Veränderungen wie Reizbarkeit und Unruhe, manchmal auch Bronchialkrämpfe, Gallenkoliken oder epileptische Anfälle. Die Erkrankung ist gut durch die Einnahme von Kalzium und Vitamin D behandelbar.

Symptome und Leitbeschwerden

  • Missempfindungen, z. B. Ameisenkribbeln oder Taubheitsgefühle an Händen, Füßen und rund um den Mund
  • Muskelzuckungen oder leichtes Muskelflattern, v. a. im Gesicht
  • Schmerzhafte Muskelkrämpfe, z. B. typische „Pfötchenstellung“ der Hände mit steif nach innen gebogenen Fingern und Verkrampfung der Füße nach unten und innen
  • psychische Beschwerden wie Reizbarkeit, Unruhe oder Angst
  • Evtl. Organkrämpfe, z. B. Stimmritzenkrampf oder Bronchialkrämpfe mit Atemnot, Magen-Darm-Krämpfe oder Gallenkoliken mit starken Bauchschmerzen, Herzrasen oder Herzrhythmusstörungen mit Schwindel oder Bewusstseinsstörung
  • Evtl. generalisierte Krämpfe als epileptische Anfälle mit erhaltenem Bewusstsein.

Wann in die Arztpraxis

In den nächsten Tagen, wenn wiederholt schmerzhafte Muskelverkrampfungen oder die beschriebenen Organkrämpfe auftreten.

Sofort den Notruf wählen bei einem generalisierten Krampfanfall, bei Atemnot sowie bei starkem Herzrasen oder Herzrhythmusstörungen mit Schwindel oder Bewusstseinsstörung.

Die Erkrankung

Krankheitsentstehung

Die Nebenschilddrüsen sind 4 kleine Organe, die jeweils paarig am oberen und unteren Ende der Schilddrüse liegen. Sie sind nur linsengroß, haben aber eine wichtige Funktion: Sie regulieren den Kalziumstoffwechsel. Dazu bilden sie das Parathormon – einen Botenstoff, der den Kalziumspiegel im Blut konstant hält. Sinkt der Kalziumspiegel, sorgt das Parathormon z. B. dafür, dass Kalzium aus dem Knochen freigesetzt wird und in den Nieren weniger Kalzium ausgeschieden wird.

Bei einer Nebenschilddrüsen-Unterfunktion wird zu wenig oder gar kein Parathormon gebildet. Dafür kann es viele verschiedene Ursachen geben.

Ursachen und Risikofaktoren

Der häufigste Auslöser für eine Nebenschilddrüsen-Unterfunktion sind Operationen im Halsbereich. Wird zum Beispiel wegen einer Schilddrüsenerkrankung die Schilddrüse entfernt, werden oft auch die Nebenschilddrüsen stark geschädigt. Es kann sogar passieren, dass sie versehentlich mitentfernt werden. Daneben gibt es weitere Ursachen, die wesentlich seltener sind. Hierzu gehören z. B.

  • Autoimmunerkrankungen, bei denen die Nebenschilddrüsen durch das Immunsystem angegriffen werden
  • angeborene Defekte, bei denen die Nebenschilddrüsen sich im Kindesalter nicht oder nicht vollständig entwickeln
  • Bestrahlungen im Halsbereich, z. B. zur Behandlung von Kehlkopf- oder Schlundkopfkrebs
  • Krebserkrankungen mit Metastasenbildung in den Nebenschilddrüsen
  • schwere Entzündungen der Nebenschilddrüsen
  • chronischer Magnesiummangel bei Alkoholabhängigkeit oder Mangelernährung.

Klinik, Verlauf und Komplikationen

Der Mangel an Parathormon verursacht einen Kalziummangel im Blut. Dadurch kommt es zu einer Übererregbarkeit von Nerven und Muskulatur. Erste Warnzeichen sind Missempfindungen wie ein Ameisenkribbeln oder Taubheitsgefühle an Händen, Füßen und rund um den Mund. Ein häufiges Frühsymptom sind auch Muskelzuckungen, etwa ein leichtes Flattern der Gesichtsmuskeln. Ein ausgeprägter Kalziummangel macht sich dann durch schmerzhafte Muskelkrämpfe bemerkbar. In diesem Fall ist die „Pfötchenstellung“ der Hände typisch: Die Finger sind steif nach innen gebogen und auch die Füße verkrampfen sich nach unten und innen.

Auch die Muskulatur der inneren Organe kann sich verkrampfen. Dann kommt es z. B. zum Stimmritzenkrampf oder zu Bronchialkrämpfen mit plötzlicher Atemnot. Zudem sind Magen-Darm-Krämpfe oder Gallenkoliken mit starken Bauchschmerzen möglich, genauso wie Herzrasen bzw. Herzrhythmusstörungen mit Schwindel oder Bewusstseinsstörungen bis hin zu Ohnmachtsanfällen.

Der Kalziummangel wirkt sich auch aufs Gehirn aus. Betroffene merken das durch psychische Beschwerden wie Reizbarkeit, Unruhe oder Angst. Bei einem sehr starken Kalziummangel sind auch epileptische Anfälle möglich. Während des Anfalls sind die Betroffenen allerdings, anders als bei einer Epilepsie, bei normalem Bewusstsein.

Die Erkrankung kann auch chronisch sein, z. B. wenn sie angeboren ist. Dann sind die beschriebenen Beschwerden oft milder oder treten schleichend auf. Dafür kommen aber weitere Symptome hinzu, z. B. Haarausfall, trockene Haut und brüchige Fingernägel. Tritt die Erkrankung schon im Kindesalter auf und wird nicht rechtzeitig behandelt, zeigen sich auch Zahnfehlbildungen wie verzögerter Durchbruch der Zähne, Rillen und Löcher im Zahnschmelz und zu kleine Zähne mit unterentwickelten Zahnwurzeln. Eine Linsenverkalkung (Grauer Star) führt zu Sehstörungen. Verkalkungen im Gehirn verursachen Kopfschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie weitere neurologische Störungen bis hin zum Parkinson-Syndrom oder Demenz. Auch die Nieren- und Knochenfunktion werden durch den gestörten Kalziumstoffwechsel beeinträchtigt. Dadurch besteht ein erhöhtes Risiko für Nierenversagen und erhöhte Knochenbrüchigkeit.

Diagnosesicherung

Hat die Ärzt*in bei der Symptombeschreibung der Patient*in den Verdacht auf eine Nebenschilddrüsen-Unterfunktion, kann sie durch einfache Tests bei der körperlichen Untersuchung die typischen Muskelsymptome auslösen. Durch Beklopfen des Gesichtsnervs im Bereich der Wangen lässt sich ein charakteristisches Zucken der Mundwinkel provozieren (Chvostek-Zeichen). Beim Blutdruckmessen kann die aufgeblasene Blutdruckmanschette die typische „Pfötchenstellung“ der Finger auslösen Trousseau-Zeichen). Bestätigt wird die Diagnose dann durch eine Blutuntersuchung. Diese zeigt erniedrigte Kalzium- und erhöhte Phosphatspiegel sowie einen erniedrigten Parathormon-Spiegel.

Bei Kindern sind meist zusätzliche molekulargenetische Untersuchungen notwendig, denn oft tritt die angeborene Form der Nebenschilddrüsen-Unterfunktion im Rahmen genetischer Syndrome auf. Dann kommt es zu weiteren Organstörungen, z. B. Herzmissbildungen oder Gaumenspalten.

Differenzialdiagnosen. Der Nebenschilddrüsen-Unterfunktion sehr ähnlich ist der sogenannte Pseudohypoparathyreoidismus. Hierbei wird nicht zu wenig Parathormon gebildet, sondern die Wirkung des Parathormons ist durch eine Störung der Signalübertragung an den Zellen vermindert. Die Zellen sind also resistent und reagieren nicht auf das Hormon. Die Erkrankung wird durch genetische Tests von der „einfachen“ Nebenschilddrüsen-Unterfunktion unterschieden.

Behandlung

Eine Unterfunktion der Nebenschilddrüsen wird durch ein Kalziumpräparat in Kombination mit aktivem Vitamin D behandelt. Wichtig sind regelmäßige Kontrollen des Blutkalziumspiegels und der Kalziumausscheidung im Urin, um die Medikamentendosierung anzupassen. Das Behandlungsziel ist, den Blutkalziumspiegel im unteren Normalbereich zu halten. Steigt das Kalzium zu hoch an, können sich Nierensteine bilden oder die Nieren verkalken.

Lässt sich der Kalziumspiegel schlecht auf den Zielwert einstellen und kommt es immer wieder zu starken Schwankungen, ist auch die Gabe von künstlichem Parathormon möglich. Dieses wird als tägliche Spritze verabreicht und ist bisher nur für Erwachsene zugelassen. Bei Kindern wird es nur im Ausnahmefall eingesetzt, wenn sie auf die Kalzium-Vitamin-D-Behandlung nicht ansprechen. Dabei ist eine besonders engmaschige Überwachung des Knochenwachstums und der Nierenfunktion notwendig. Die Nieren von Kindern sind besonders anfällig für Verkalkungen, sodass es schneller zum Nierenversagen kommt als bei Erwachsenen. Zudem stimuliert Parathormon die Knochenzellen sehr stark. Dadurch können an den noch wachsenden Knochen z. B. Deformationen entstehen.

Prognose

Werden die Nebenschilddrüsen z. B. durch eine Operation im Halsbereich geschädigt, normalisiert sich die Funktion in der Regel nach 1 bis 6 Monaten wieder. Anders ist es, wenn die Erkrankung angeboren ist oder auch noch 6 Monate nach der Organschädigung besteht. Dann ist meist eine lebenslange Behandlung erforderlich. Meist lassen sich die Blutwerte gut mit den Medikamenten einstellen. Dennoch beschreibt ein Teil der Betroffenen auch bei stabilen Zielwerten eine eingeschränkte Lebensqualität mit Erschöpfungszuständen und depressiver Verstimmung.

Prophylaxe

Um eine Nebenschilddrüsen-Unterfunktion als Komplikation einer Schilddrüsenoperation zu verhindern, wird heute vorsorglich eine der 4 Nebenschilddrüsen während der OP herausgenommen und in einem Muskel wieder eingepflanzt. Diese Autotransplantation eignet sich auch als vorbeugende Maßnahme bei Bestrahlungen der Schilddrüse.

Ihre Apotheke empfiehlt

Was Sie selbst tun können

Kalzium-Einnahme. Verteilen Sie das Kalzium auf mehrere Einzeldosen über den Tag und nehmen Sie es immer gemeinsam mit einer Mahlzeit ein. So ist es magenverträglicher. Nehmen Sie unterwegs auch immer eine Tagesdosis Kalzium mit. So können Sie sofort gegensteuern, wenn sich ein akuter Kalziummangel mit Kribbeln oder Taubheitsgefühlen ankündigt.

Flüssigkeitszufuhr. Trinken Sie ausreichend – mindestens 2 Liter am Tag. So verhindern sie ein Austrocknen (Dehydratation) und unterstützen die Nierenfunktion. Nicht geeignet sind stark kohlensäurehaltige Getränke und Alkohol, da diese dem Körper Kalzium entziehen können.

Notfallausweis. Ein starker Abfall des Kalziumspiegels kann plötzliche Verwirrtheit, Atemnot und Krampfanfälle auslösen, die mit einer intravenösen Kalziumgabe behandelt werden müssen. Die Symptome können mit epileptischen Krampfanfällen oder einem Schlaganfall verwechselt werden. Tragen Sie also immer einen Notfallausweis bei sich, sodass das Rettungsteam sofort die richtige Behandlung einleiten kann.

Weiterführende Informationen

Netzwerk Hypopara: Information und Selbsthilfe für Patient*innen mit Hypoparathyreoidismus

Quellen:

  • AWMF (2022) Hypoparathyreoidismus und Pseudohypoparathyreoidismus. S1-Leitlinie von der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie und -diabetologie (DGKED) e.V., Reg. Nr. 174-005, Langfassung. Abzurufen unter https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/174-005
  • Pschyrembel (2026) Hypoparathyreoidismus. Webartikel zur Klinischen Praxis. Abgerufen am 10.07.2026 unter Pschyrembel Online
  • Herold - Innere Medizin (2026) Hypoparathyreoidismus. Webartikel zur Klinischen Praxis. Abgerufen am 10.07.2026 unter Pschyrembel Online

Quelle: Kristine Raether-Buscham, Dr. med. Arne Schäffler in: Gesundheit heute, herausgegeben von Dr. med. Arne Schäffler. Trias, Stuttgart, 3. Auflage (2014). Überarbeitung und Aktualisierung: Daniela Grimm
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